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Aktuell experimentiere ich mit der Übersetzung von Zwei- in Dreidimensionalität anhand von fotografierten und gemalten Farbflächen und ihrer Ausdehnung in den Raum, siehe dazu die Modelle für übergangene Übergänge 1 – 5, Raum- und Farbflächen 1 und 2.

Zu meiner Arbeit - übergangene Übergänge - 2009:

Vorgehen:
Ich fotografiere verschiedene räumliche Übergänge. Von weitem wirken diese flach und es entstehen Farbflächen; das Dreidimensionale wird zweidimensional dargestellt und ergibt ein neues, abstraktes Bild, dieses drehe ich um 90°.
Von den Farbflächen der Fotografie (Originalgrösse ca.120 x 80 cm) ausgehend, werden Holzplatten proportional zu den verschiedenen Farbflächen geschnitten und mit den jeweiligen Farben entsprechend jenen der Fotos angemalt. Aus diesen Holzplatten entwickle ich wiederum ein dreidimensionales Objekt, das im Raum mit der Fotografie eine Einheit bildet, sei es nur aus einem bestimmten Blickwinkel, inhaltlich oder als Gesamtbild (siehe Beispiele).
Auch in meinen früheren Arbeiten waren Zwei- und Dreidimensionalität, als Fläche und Modell, bereits ein Thema. Dabei habe ich Fotografie und Malerei mit dreidimensionalen Modellen zusammengebracht und als Gesamtes wieder im zweidimensionalen Medium Fotografie dargestellt (siehe unter Photography: Waldeinsamkeit, Am Ufer, Ben und folgende).
Neu möchte ich die Fotografie mit dem Objekt im Raum (als Installation) umsetzen und nicht wie bisher die Fotografie als Endprodukt haben.

Thema:
Inhaltlich sind es Übergänge, mit denen ich mich auseinandersetze - vor allem räumliche Übergänge (hier könnte auch von Durchgängen gesprochen werden) wie: Türen, Treppen, Lifte, Gänge... Möglichkeiten, vom einen zum anderen Raum zu kommen. Bei Türen sind es Aneinanderreihungen aus Türrahmen, Wänden, Mauern, Dichtungen, Gläsern etc. Sie stehen im Nebeneinander, treffen zusammen und umgeben uns – ein ¨come together¨ der Materialien – unspektakulär, ruhig, sie halten sich aus. Übergänge führen von einem zum nächsten Raum, von einem Geschehen zum Anderen – unbewusst durchlaufen wir sie. Das Bewusstsein nimmt den Raumwechsel zwar wahr, aber es fragt sich nicht, wie der Raumwechsel erfolgt und worin er besteht, sondern verfolgt ein Ziel. Es sieht das im Raum Stehende, aber nicht den Raum selbst - wir übergehen die Übergänge.

Zeitliche Übergänge sind: flüchtig, immateriell, lassen sich messen anhand von Sekunden, Minuten, Stunden. Sie sind fliessend, fortlaufend und auch ist jeder Moment ein zeitlicher Übergang von einem Augenblick zum nächsten: jetzt, jetzt, jetzt... Bei jedem Jetzt findet ein zeitlicher Übergang statt. Bewusst werden wir dessen auch, wenn wir z. B auf die Uhr schauen oder wenn etwas um eine bestimmte Zeit beginnt / endet – periodische Zeiten wie die Jahreszeiten, Tag/Nacht, etc. Aber kann man da überhaupt von Übergängen sprechen oder müsste man nicht sagen, Zeit ist etwas fortlaufendes, von uns definiert und wichtig als Orientierung des Menschsein?

Was passiert, wenn man räumliche Übergänge zeitlich übergeht und umgekehrt? Zeitreise? Beamen? Ich löse mich auf und erscheine in einem anderen Raum wieder, ohne einen Weg zurückgelegt zu haben...

Yvonne Mueller

 


Die Wahrheit imaginierter Räume
Zu den fotografischen Arbeiten von Yvonne Mueller


Die fotografischen Arbeiten von Yvonne Müller sprechen von der Malerei. Aber auch von Geschichten, von Projektionen und gelegentlich auch von Introspektionen. Selbst die aufwendigste digitale Bearbeitung lässt eine malerische Geste erscheinen, einen Akkord Kulturgeschichte erklingen oder einen Fetzen tagträumerische Poesie aufwirbeln.
Die Gattungsverbindung der Malerei und der digitalen Bildbearbeitung nutzt die Künstlerin in der Motivwahl, um ikonografische Topoi wieder erstehen zu lassen und sie im selben Augenblick neu zu interpretieren. In der Bildgestaltung bedient sie sich sowohl der digitalen Montage als auch des gebauten Modells oder der gemalten Kulisse, die der Fotografie oft als Bildelement dienen.

Aus der gemalten Szenerie, in die sie ihre Figuren einfügt, macht sie keinen Hehl: Der Vordergrund einer rousseauesk gehaltenen Landschaft wird von einem liegenden weiblichen Menschen belegt („Exotische Landschaft“, 2005). Der Kuriosität über diese Verirrung gibt indes der Gorilla Ausdruck, der – lauernd? begehrlich? neugierig? wachend? – die Passivität dieser Gestalt beobachtet. Dass er allerdings eine vergrösserte Plastikfigur ist, die in dieser Kulisse ebenso wenig verloren hat wie die junge Frau, erkennt man erst auf den zweiten Blick.
Diese Irritation zeigt sich sublimer, je komplexer sie evoziert wird. Warum beispielsweise ist die Frau verletzt? Sind die wie Raubvögel kreisenden Papageien damit in Verbindung zu bringen? In der exotischen Idylle scheint ein ungeklärtes Ereignis zu lauern.
Auch in der „Felsschlucht“ (2005) fungiert ein Klassiker der Kunstgeschichte als Bühne, in der eine kleine menschliche Figur gegen den riesigen Drachen kämpfen muss. Nur ist der Drache grösser als bei Böcklin, scheint eher den Nestern von Hollywood entschlüpft, während die Gestalt – wie fast durchweg in Yvonne Müllers Arbeiten – von der Künstlerin selber dargestellt ist.

Zu den Gattungen der Malerei, der Fotografie und der Szenografie kommt also auch die Performance hinzu. Sie dient nicht der Selbstdarstellung, sondern vielmehr einem Rollenspiel. Die performativen Fotografien isoliert Yvonne Müller digital und fügt sie in ein Setting ein – sei das ein berühmtes Werk der Kunstgeschichte, ein auf menschliche Dimensionen vergrössertes Puppenhaus oder ein goldener Raum.

 

Im „Goldzimmer“ (2005) klingt etwas von der heiligen Aura einer Ikone nach, und dennoch wurde die Frauenfigur in einen völlig neuen Raum überführt. Eine der drei Fotografien enthüllt die Konstruiertheit des Goldraumes und gibt Anlass zur Spekulation, ob dieser bühnenhafte Anblick dem Fehlen einer vierten Wand oder nicht vielmehr einer heimlich entfernten oberen Abdeckung zu verdanken ist, die aber die Figur in ihrer Introvertiertheit noch nicht bemerkt hat.

Die Bildräume sind imaginäre Räume. Obwohl sie bewusst auf die Bildtradition verweisen, sich bei genauerem Hinschauen als Puppenhaus erweisen oder ein künstlich generiertes Setting für vermeintlich bekannte Narrationen wie Shakespeares Mittsommernachtstraum offen legen, ist allen Bildern ein Element der irritierenden Nicht-Einlösung inhärent. Die Faszination des Narziss von seinem Spiegelbild („Leuchtquelle“, 2005) ereignet sich in einem durch und durch kühlen und künstlichen Raum, dessen Fenster dem Betrachter zwar einen Blick in die Idylle verspricht, ihn im selben Moment aber auch die dunkle Ahnung des Gefangenseins in der Lichtflut spüren lässt. Der „Goldraum“ erinnert nicht nur durch seine Farbe an die wertvolle, Transzendenz versprechende Umrahmung der Heiligen in der Ikonentradition. Die reich bekleidete Frauenfigur trägt das Korsett des Adels und das Gebaren der Maria bei der Verkündigung. Doch wo ist der Erlösung versprechende Engel? wo der rettende Prinz? Steckt vielleicht im zierlichen Goldbeutel der Schlüssel aus dem Kulissenkäfig?

Versuche, eine lineare Narration in diesen Bildern zu entschlüsseln, müssen scheitern, obwohl sie diese gerade andeuten. Dazu trägt wesentlich die Atmosphäre bei, die die Künstlerin in diesen Settings zu generieren vermag. Sie wirken dem Alltag oder der Kulturgeschichte entnommen und haben dennoch vieles mit Situationen zu tun, die über sie hinaus auf Stimmungen verweisen, die dem Empfinden eines jeden in bestimmten Lebenssituationen entsprechen können – tief empfundene Melancholie beispielsweise, aber auch der verträumte Blick durch den dicken Vorhang oder der absurde Kampf gegen unfassbare Traumkreaturen. Bei aller offensichtlichen Künstlichkeit herrscht in diesen Stimmungen etwas Wahres, das sich vielleicht ausschliesslich in imaginären Räumen zu zeigen vermag.

Fiona Siegenthaler, Juli 2006